Erweiterung der Erinnerung – Amicale Ukraine gegründet
An den Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Neuengamme haben auch Angehörige von ukrainischen ehemaligen Häftlingen des KZ Neuengamme teilgenommen. Sie haben die Reise aus Kharkiv, Kyiv und Khmelnitzkiy auf sich genommen, um mit anderen Nachkomm*innen von ehemaligen Häftlingen des KZ Neuengamme das Gedenken an ihre Familienmitglieder in Neustadt in Holstein und Hamburg zu teilen.
Janina Martynova, Enkelin von Mykola Avdeenko, hatte schon im vergangenen Jahr eindringlich berichtet, was das Gedenken an die NS-Zeit für sie im derzeitigen Krieg Russlands gegen die Ukraine bedeutet und wie sich Gedenken und Kriegserfahrung überlagern: „Diese Reise war für uns ein Akt der Erinnerung, der Liebe und der Hoffnung. Gerade in Zeiten des Krieges dürfen wir die Hoffnung auf eine Welt der Freiheit und Demokratie, ohne Kriege und Gewalt nicht verlieren.“
Bereits 2024 und 2025 hatten Angehörige aus der Ukraine an Gedenkveranstaltungen in Hamburg teilgenommen, nachdem längere Zeit keine Gäste aus der Ukraine bei den Gedenkfeiern vertreten waren, weil Kontakte zwischen Angehörigen und der Gedenkstätte zum Erliegen gekommen waren.
Am 2. Mai 2026 aus Anlass des 81. Jahrestags der Befreiung der Häftlinge des KZ Neuengamme hat sich nun eine Gruppe von Angehörigen zu einer konstituierenden Sitzung für die Gründung eines Freundeskreises zusammengefunden: Im Vorfeld hatten sie unter der Federführung von Janina Martynova und Sofia Lyz, Enkelin von Ivan Aleksiichuk, eine Satzung entwickelt, die im Einklang mit der Satzung der Amicale Internationale KZ Neuengamme als wesentliches Ziel des zukünftigen Verbandes benennt, „Angehörige von Gefangenen zusammenzubringen, um Frieden und europäische Sicherheit zu fördern, humanitäre Ideale zu schützen und das Andenken an die Gefangenen des Konzentrationslagers Neuengamme zu bewahren.“ Der nächste Schritt wird der Antrag auf Aufnahme in den Dachverband Amicale Internationale KZ Neuengamme sein.
Erinnerungsarbeit in der Ukraine
Bisher gab es keinen Verband von ehemaligen Häftlingen des KZ Neuengamme und ihren Angehörigen aus einem Land, das früher zur Sowjetunion gehörte. In der ehemaligen Sowjetunion dominierten die Veteranenverbände aus Mitgliedern der Roten Armee die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg. In den 1960er-Jahren etablierte sich dann der sowjetische Siegeskult um den Kampf der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, die Veteranenverbände gründeten neue Gruppen des ehemaligen „antifaschistischen Widerstands“, zu denen auch ehemalige Häftlinge des KZ Neuengamme gehörten. In der Ukraine bildeten sich schon kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit des ukrainischen Staates lokale Verbände von ehemaligen KZ-Häftlingen und Zwangsarbeiter*innen.
Der Verband ukrainischer Angehöriger ist wichtig, um den Kontakt zu weiteren Angehörigen zu knüpfen, die Erinnerung an das Schicksal der aus dem heutigen Staatsgebiet der Ukraine stammenden Häftlinge des KZ Neuengamme in Deutschland und der Ukraine wachzuhalten und damit die Gedenkarbeit zu erweitern. Denn Erinnerungsarbeit lebt vom persönlichen Engagement, um tragfähige Strukturen für das Gedenken an die Opfer der NS-Verbrechen auch in der Zukunft zu schaffen.
Erinnerungsarbeit in Neuengamme
Ljuba Rudnieva hat im Rahmen des Besuchs wertvolle Dokumente und Objekte aus dem Besitz ihres Ehemann Anton Rudniev an die KZ-Gedenkstätte Neuengamme übergeben: Anton Rudniev war als 15-Jähriger wegen Widerstandsaktivitäten gegen die deutsche Besatzung verhaftet worden, er war von 1942 bis 1945 im KZ Neuengamme inhaftiert. Viele Zeitungsartikel, staatliche Auszeichnungen und Berichte über Treffen weiterer ehemaliger Häftlinge zeichnen am Beispiel der Stadt Kharkiv ein Bild von der Erinnerungsarbeit vor Ort.
Die Reise der ukrainischen Angehörigen war großzügig unterstützt worden durch den Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Einen warmherzigen Empfang erlebten die ukrainischen Angehörigen in der Plakatwerkstatt „Ort der Verbundenheit“ durch Uta Kühl und Alyn Šišić: Das Drucken ihrer eigenen Plakate in Erinnerung an ihre Väter und Großväter und die Beteiligung an der internationalen Plakatpräsentation war auch in diesem Jahr ein besonderer Moment und zeigt, wie gut das partizipative Denkmal als integratives Erinnerungsprojekt funktioniert.
Es ist noch nicht abzusehen, was für Folgen der andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine hat. Hoffen wir gemeinsam auf ein baldiges Ende des Krieges und dass wir die neuen Weggefährt*innen bald wieder unversehrt bei uns begrüßen können.