Was aus einem Erinnerungsfoto für eine Zwangsarbeiterin entstand
Natalia Kataeva war 2022 / 2023 Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Die Tätigkeit gibt auch die Möglichkeit, eigene Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Als sie im Fotoarchiv Fotografien von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sah, wusste sie, dass dieses Thema sie nicht mehr loslassen würde.
Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
Diese Fotosammlung entstand im Zusammenhang mit dem 2001 durch den Senat der Hansestadt Hamburg initiierten „Besuchsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter". Der Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der die Arbeit der Gedenkstätte seit 1988 begleitet, übernahm zunächst die Durchführung des Programms.
Die Besuche ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Hamburg umfassten Empfänge im Hamburger Rathaus, Besuche ehemaliger Arbeitsstätten sowie Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern. Für viele der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen war es das erste Mal, dass sie öffentlich von ihrer Geschichte erzählen konnten. Zwischen den Programmen wurden biografische Interviews aufgezeichnet und mitgebrachte Dokumente und Fotografien digitalisiert. So entstand eine Sammlung von mehr als 4.000 Aufnahmen, die sich im Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme befinden.
Eine Ausstellung stellt private Fotos von Zwangsarbeiterinnen vor
Die intensive Beschäftigung mit diesen Bildern – sie immer wieder anschauen, mit Kolleginnen sprechen, über Hintergründe lesen, nachdenken – führte zunächst zu einer ersten Ausstellung über Fotografien osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Belarus und Russland. Die Ausstellung wurde im ehemaligen Haus des Lagerkommandanten in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gezeigt, in dem in den 2000er Jahren das Büro des Besuchsprogramms untergebracht war.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die Geschichte von Alla Tscherkesowa aus Mariupol. Wie entstanden die Fotografien während der Kriegszeit? Nach den Bombardierungen Hamburgs 1943 wurde es zeitweise möglich, Fotoateliers frei zu besuchen. Alla und ihre Freundinnen aus verschiedenen Lagern nutzten dies – sie ließen sich fotografieren und schenkten einander die Bilder als Erinnerung. In einem Interview 2007 erzählt sie lebendig und emotional von ihrer Zeit in Deutschland. Ausschnitte aus dem Interview wurden in der Ausstellung gezeigt. Doch hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit verbirgt sich ein anderes Leben: die Rückkehr in die Heimat, die folgende Diskriminierung, der schwierige Neuanfang in der Sowjetunion.
Ein anderer Teil der Ausstellung hatte ein Album mit Fotografien im Fokus, die unterschiedliche Aspekte des Alltags der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Hamburg dokumentieren.
Die Ausstellung im ehemaligen Kommandantenhaus wurde zu besonderen Daten für Besucherinnen und Besucher geöffnet. Die Resonanz auf die Ausstellung war jedes Mal überwältigend. Besucherinnen und Besucher berichteten von ihrer eigenen Familiengeschichte, stellten Fragen, verweilten lange vor den Bildern – und schauten in Gesichter von Menschen, die ihre Geschichte nicht mehr selbst erzählen können.
Dokumentarfilm Erinnerungsfoto für eine Zwangsarbeiterin
Die Ausstellung war kein Abschluss – für Natalia Kataeva war sie ein Anfang. Die Fotografien ließen sie nicht los. Sie schaute sie immer wieder an, stellte neue Fragen. So entstand die Idee zu einem Dokumentarfilm über Fotografien von Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine, Belarus und Russland.
Sieben Protagonistinnen – während des Krieges 15- oder 16-jährige Mädchen – blicken im Film auf ihre alten Bilder und erinnern sich: an die Kindheit vor dem Krieg, an die Verschleppung nach Deutschland, an die Arbeit in den Fabriken. Auf den Fotografien wirken sie wie Schauspielerinnen – schön, jung, selbstbewusst. Doch ein einziges Detail kehrt alles um: das Abzeichen „Ost". Ein kleines Stück Stoff, das sichtbar macht, was diese Menschen durchleben mussten.
Im Film rekonstruiert Natalia Kataeva nicht nur ihre Erzählungen, sondern auch Orte – etwa das Fotoatelier, in dem die Aufnahmen entstanden. Der Film entstand in Koproduktion mit der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte und mit Unterstützung des Programms „Art Connects" der Hamburgischen Kulturstiftung. Hier geht es zum Film: Erinnerungsfoto für eine Zwangsarbeiterin
Weitere Projekte
Mit dem Film war das Thema für Natalia Kataeva nicht abgeschlossen – im Gegenteil. Heute führt sie regelmäßig Führungen auf Russisch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme durch, mit dem Schwerpunkt auf Zwangsarbeit und den Schicksalen von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Parallel entwickelt sie im Rahmen der Weiterbildung MEMORY MEDIA LAB. FILM UND IMMERSIVE MEDIEN der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF ein neues Projekt – wieder geht es um Fotografien, wieder um Erinnerung.
Bei Fragen und Anregungen können Sie die Autorin erreichen unter kataeva.natalia.hamburg@gmail.com