Wir trauern um Ruth Dräger geb. Geistlich (1928-2026)
Ruth Geistlich wurde am 12. Januar 1928 in Hamburg geboren. Sie wuchs in einem jüdisch geprägten Umfeld im Grindelviertel auf. In früher Kindheit nahm das Jüdische Waisenhaus am Laufgraben sie auf, da ihre Mutter noch sehr jung war. Sie hatte aber immer Kontakt zu ihrer Familie. Sie besuchte die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße und dürfte eine der letzten noch lebenden ehemaligen Schülerinnen gewesen sein.
Als die Kinder des Waisenhauses – darunter ihre beste Freundin Esther Ascher – am 11. Juli 1942 deportiert werden sollten, erfuhr ihr Großvater davon und holte sie zur Familie. Damit bewahrte er sie vor dem Schlimmsten. Es beschäftigte Ruth Dräger bis ins hohe Alter, dass alle Kinder außer sie selbst deportiert und ermordet wurden. 1942 musste die Familie aus ihrer Wohnung in der Neustadt in ein sogenanntes Judenhaus in der Bornstraße umziehen, wo sie beengt zusammenwohnten.
Ruth, ihre Mutter Asta, ihre jüngere Schwester Dorrit sowie die beiden Tanten Lieselotte und Esther wurden am 10. März 1943 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Die Großmutter wurde zur Scheidung von ihrem nichtjüdischen Ehemann gezwungen und gemeinsam mit ihrer Tochter Vera im Juni 1943 nach Theresienstadt deportiert. Die insgesamt sieben Familienmitglieder überlebten die Shoa und kehrten im Juni 1945 nach Hamburg zurück. Der Onkel Werner Geistlich war 1941 ins Ghetto Minsk deportiert und ermordet worden. Ihre Tante Ursula Geistlich hatte ebenfalls nicht überlebt.
Die Großeltern heirateten nach dem Krieg ein zweites Mal. Die Mutter und die jüngere Schwester wanderten nach dem Krieg in die USA aus. Ruth Dräger blieb dagegen in Hamburg, heiratete und pflegte später ihre Tante. In dieser Zeit war ein Sprechen über ihre schrecklichen Erlebnisse kaum möglich.
Ruth Dräger erzählte später vor allem im vertrauten Kreis über die Verfolgung und die Demütigungen, über Zwangsarbeit und Hunger im Ghetto Theresienstadt sowie die halb verhungerten Menschen aus Auschwitz, die später nach Theresienstadt kamen. Sie berichtete aber auch in Interviews für Ausstellungen und Presseartikel über ihre persönliche Geschichte und Erinnerungen, da sie der festen Überzeugung war, dass die Verbrechen der NS-Zeit nicht vergessen werden dürfen.
Bis fast zuletzt lebte Ruth Dräger in ihrer eigenen Wohnung und schätzte ihre Eigenständigkeit und Besuche von Freundinnen und Freunden. Mit Ruth Dräger verlieren wir eine der letzten Zeitzeug*innen der Shoah. Sie war eine Brücke zurück in die Geschichte und sie verband sie mit der Gegenwart. So war sie eine der letzten Menschen, die die Bornplatzsynagoge noch kannten. Wir werden Ruth Dräger nicht vergessen.