Wir trauern um Kurt Goldschmidt (1923–2026)
Kurt Goldschmidt setzte sich als Holocaust-Überlebender in den USA gegen das Vergessen ein. Er war seiner Geburtsstadt Hamburg tief verbunden, obwohl die Erinnerungen an die NS-Verfolgung schwer wogen. Vielfältige persönliche Kontakte und Freundschaften bestanden und er plante für diesen Sommer eine dreiwöchige Reise nach Hamburg.
Kurt Goldschmidt war es ein wichtiges Anliegen, öffentlich über die Shoah und seine Verfolgungsgeschichte zu berichten. Er wurde 1923 in Hamburg geboren und wuchs zusammen mit seiner Schwester Edith auf St. Pauli auf, später in Rotherbaum, ab 1934 in Hamm. Sein Eltern Hermann und Helene Goldschmidt besaßen Wäschegeschäfte an mehreren Standorten.
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde der Vater als Jude verfolgt. Nach dem Novemberpogrom mussten die Goldschmidts ihre Geschäfte unter Zwang verkaufen. Die Mutter war keine Jüdin, aber Kurt erlitt Nachteile: Er konnte kein Abitur machen und später nicht seine Ausbildung beenden. Im November 1941 sollte er ins Ghetto Minsk deportiert werden, aber seine Mutter setzte sich mutig für seine Rückstellung ein. Er musste Zwangsarbeit in einer Rüstungsfabrik leisten. In der zweiten Kriegshälfte erhielt er ein Schreiben der Gestapo darüber, dass er als „Volljude“ eingeordnet worden war. Er widersetzte sich aber den entsprechenden Anordnungen und verbarg sich eine Weile bei Verwandten seiner Mutter. Im Winter 1944/45 wurde er aber doch von der Polizei gefasst und am 30. Januar 1945 ins Ghetto Theresienstadt deportiert.
Nach der Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 kam Kurt Goldschmidt zurück nach Hamburg. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Hamburg, der er bis zuletzt verbunden war, und setzte sich für die Erholungsstätte Heideruh ein. Nach der Heirat emigrierten er und seine Frau Sonja gemeinsam mit seiner Mutter Helene im Dezember 1949 in die USA.
Kurt Goldschmidt besuchte Hamburg immer wieder, zuletzt im August 2024, als er dem FC St. Pauli Museum ein langes Interview gab. Auch zu einem digitalen Gespräch bei einer Gedenkveranstaltung mit Holger Artus war er 2023 bereit.
Für seine geplante Reise nach Hamburg hatte er bereits viele Verabredungen mit Verwandten und Freunden in Norddeutschland getroffen. Er hätte auch am Besuchsprogramm des Hamburger Senats teilgenommen. Wir freuten uns sehr, dass er sofort bereit war zu einem öffentlichen Zeitzeugengespräch im Rahmen der Eröffnung der Werkstattausstellung „Ganz Hamburg war voll von Abtransporten“ im Geschichtsort Stadthaus. In Telefonaten zeigte er seine Vorfreude, aber in den letzten Wochen klang er schwächer und war sich nicht mehr sicher, ob er die Reise würde antreten können.
Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, erinnert an Kurt Goldschmidt: „Kurt Goldschmidt hat sich mit seinem Engagement als Zeitzeuge in besonderer Weise um unsere Stadt verdient gemacht. Wir sind ihm zutiefst dankbar für seine Bereitschaft, immer wieder nach Hamburg zurückzukehren, trotz seiner erzwungenen Flucht und der persönlichen Verluste, die er durch die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten erlitten hat. Kurt Goldschmidt hat seine Erinnerungen mit den Menschen dieser Stadt geteilt und war stets bereit, ins Gespräch zu gehen, Menschen zu begegnen und seine Geschichte zu erzählen. Seine Stimme wird uns sehr fehlen. In diesem Jahr hat er geplant, erneut am Besuchsprogramm für jüdische ehemalige Hamburger Bürgerinnen und Bürger teilzunehmen. Es ist ein großer Verlust, ihn nun nicht willkommen heißen zu können. Kurt Goldschmidts Verdienste um das historische Bewusstsein unserer Stadt werden unvergessen bleiben. Hamburg wird sein Andenken in Ehren halten.“
Prof. Oliver von Wrochem, Stiftungsvorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte über Kurt Goldschmidt: „Kurt Goldschmidt war einer der letzten Zeugen des Holocaust in Hamburg, der aus eigener Erfahrung über das ganze letzte Jahrhundert sprechen konnte. Er wird vielen Menschen mit seiner Zugewandtheit und seinem Humor fehlen. Wir sind in Gedanken bei seiner Tochter und seiner Familie.“