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16.09.2025

Übergabe von Dokumenten für das Archiv

Unterlagen von Willy Martin Evensen - Zeitungsartikel, alte Dokumente
Unterlagen von Willy Martin Evensen

Im August 2025 übergab die Familie von Willy Martin Evensen persönliche Gegenstände an das Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Angehörige aus aller Welt besuchten zum 80. Jahrestag der Ankunft der britischen Truppen im KZ Neuengamme die heutige Gedenkstätte. So auch die Familie von Willy Martin Evensen aus Dänemark. Der Besuch der Gedenkfeierlichkeiten gab ihnen den Mut, ihre eigene Recherche wieder aufzunehmen und das Archiv der Gedenkstätte Neuengamme zu kontaktieren. Was als eine alltägliche Archivanfrage begann, wurde schnell zu einem großartigen Austausch.

Willy Martin Evensen wurde am 5. November 1921 in Kopenhagen geboren. Über seine Inhaftierung im KZ Neuengamme war in der Gedenkstätte nur bekannt, dass er am 27. September 1944 von Dänemark nach Neuengamme deportiert wurde und die Häftlingsnummer 54240 erhielt. Nach dem Kontakt mit der Familie fügen sich nun neue Puzzleteile hinzu, um seine Geschichte erzählen zu können.

Nachdem Evensen zwischenzeitlich in das KZ Buchenwald deportiert wurde, kam er mit der Rettungsaktion der „weißen Busse“ wieder in das Hauptlager von Neuengamme und schließlich nach Dänemark in die Freiheit.

Willy Martin Evensen überlebte.

Zuhause erzählte er nicht viel von seiner Inhaftierung. Sein Leiden war aber sichtbar, u.a. durch eine schmerzhafte Schwellung an seinem Bein. Ihm fehlte auch die Hälfte einer Fingerspitze. Bei einem Vorfall, bei dem er im KZ Neuengamme für ein angebliches Verstecken eines Brotes bestraft worden war, wurde ihm eine Daumenschraube in den rechten Zeigefinger gesteckt . In einem anderen Fall schlugen im SS-Leute einen Gewehrkolben gegen den Kiefer. Seine Zähne mussten gezogen werden. Nach seiner Rückkehr nach Kopenhagen wurden sie durch eine Prothese ersetzt. Sein schiefer Kiefer bis an sein Lebensende sichtbar. 

Diese offensichtlichen Spuren der Gefangenschaft blieben jahrelang alles, was er seiner Familie gegenüber über seine Inhaftierung preisgab. 

Evensen starb am 31. März 1997.

Ein am 16. Mai 1945 in der dänischen Zeitung „Ekstrabladet“ erschienener Artikel zu seiner Inhaftierung hatte er hinter einem Bücherregal in seinem Haus verborgen, zusammen mit weiteren Dokumenten. Bei der Haushaltsauflösung wurden diese persönlichen Gegenstände gefunden und nun an die Gedenkstätte übergebenen.  

Im August 2025 fuhren sein Sohn und dessen Familie in die Gedenkstätte Neuengamme, um diese spannenden und einzigartigen Objekte aus dem Leben von Evensen der Gedenkstätte zu übergeben, darunter eine dänische Polizeimarke, sein Ausweis als dänischer Luftschutzhelfer, und die metallene Häftlingsmarke von Willy Martin Evensen aus dem KZ Neuengamme.  

Von besonderer Bedeutung für das Archiv ist ein Schreiben des dänischen Roten Kreuzes vom 18. Mai 1945, das die Inhaftierung von Willy Martin Evensen im KZ Neuengamme bestätigt. Als Beleg für die Inhaftierung konnte Willy Martin Evensen ein Dokument aus dem KZ Neuengamme vorlegen, eine Schreiben mit dem Hinweis „Schonung für den Häftling 54240 bis zum 28. Januar“, ausgestellt am 23. Januar (1945) im Krankenrevier des KZ Neuengamme. Der ausstellende Häftlingspfleger unterzeichnete mit seiner eigenen Häftlingsnummer. Dieses Schreiben ermöglichte Evensen für einige Zeit einer Arbeit in einem der „Schonkommandos“ des KZ Neuengamme nachzugehen, bei der zumeist leichtere körperliche Arbeit, wie das Flechten von Tarnnetzen für die Wehrmacht, ausgeführt wurde. Gleichzeitig gibt dieses Dokument aber auch Aufschluss über den vermutlich stark geschwächten Zustand, in dem sich Willy Martin Evensen zu dem Zeitpunkt seiner Inhaftierung befand.

Da der Großteil der Originaldokumente des KZ Neuengamme kurz vor Kriegsende durch die Nazis verbrannt wurden, um die Spuren der begangenen Verbrechen zu verwischen, ist diese Bescheinigung für das Archiv der Gedenkstätte einzigartig und ein weiteres Puzzleteil für die Erforschung der Abläufe in Schonkommandos und dem Krankenrevier des KZ Neuengamme.

Bei Übergabe der Dokumente berichtete sein Sohn: „Wenn [mein Vater] über seine Inhaftierung gesprochen hat, dann nur über das, was man ihm optisch ansehen konnte. Über alles andere konnte er nicht reden. Diese Dinge waren hinter einem Bücherregal versteckt. Wir sind froh, dass die Sachen nun hier sind. Hier sind sie am richtigen Ort, um sie zu verwahren und seiner Geschichte zu gedenken.“

Dokumente von Evensen, darunter eine Blechmarke und ein Schriftstück aus dem KZ
Dokumente aus dem Nachlass von Evensen, darunter eine Blechmarke und ein Schriftstück aus dem KZ