„StoryFinder“ startet in das zweite Projektjahr
Seit einem Jahr arbeiten wir als Projektteam von „StoryFinder“ nun schon zusammen, um jungen Hamburger*innen zwischen 12 und 18 Jahren die Geschichte ihrer Stadt im Nationalsozialismus näher zu bringen. Wir, das sind: Dr. Christiane Heß vom Geschichtsort Stadthaus, Juliane Podlaha vom Projekt denk.mal Hannoverscher Bahnhof und die Projekt-Koordinatorin Malina Emmerink von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte (SHGL). In der Projektdurchführung werden wir von Suna Voß, politische Bildnerin von dock europe e.V., und der Audiokünstlerin Katharina Pelosi unterstützt.
Im Frühjahr 2025 konnten wir zwei engagierte Gruppen für die Teilnahme am Projekt gewinnen: Eine inzwischen 10. Klasse der Heinrich-Hertz-Schule in Winterhude und die Jugendgruppe der Circusschule Die Rotznasen e.V.. Im Projekt beschäftigen sich die Jugendlichen anhand konkreter Lebensgeschichten von Verfolgten und Tatbeteiligten mit der nationalsozialistischen Verfolgung in Hamburg. In drei Workshopreihen begleiten wir die Gruppen bei der Entwicklung multimedialer Inhalte für digitale Stadtrundgänge – von der Wahl des Themas über die Erkundung von historischen Biografien und Orten bis zur Produktion eigener Medienbeiträge.
Eine Circusgruppe geht auf Zeitreise
Circustheaterproduktionen zu gesellschaftlich relevanten Themen haben in der Circusschule Die Rotznasen e.V. eine lange Tradition. Die Jugendgruppe „Cirque Mix“ hat sich in ihrem Stück „Be a lady… they said“ im Jahr 2022 zum Beispiel mit den Themen Weiblichkeit, Gender und Feminismus auseinandergesetzt. Im Rahmen der Kooperation mit der SHGL im Projekt „StoryFinder“ erarbeitet die Gruppe in der Saison 2025/2026 eine neue Produktion mit dem Titel „Seid Menschen!“. Ausgehend von konkreten Fällen von Diskriminierung, Hass und Hetze in Vergangenheit und Gegenwart entwickeln die 18 Jugendlichen ein artistisches Plädoyer für den Schutz demokratischer Werte und Menschenrechte.
Im Frühjahr 2025 fand im Geschichtsort Stadthaus ein erster Projekttag mit den Artistinnen von „Cirque Mix“ statt. Über Fotos, biografische Texte und Zitate näherten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen den Lebensgeschichten von jungen Menschen, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt und verfolgt wurden, und diskutierten ihre eigenen Bezüge zum Thema. In der Folge entwickelte die Gruppe im wöchentlichen Training erste Circusnummern im Themenfeld „Demokratie“ und zeigte eine Werkschau aus ihrem artistischen Arbeitsprozess im Sommer 2025 im Hamburger Schanzenzelt.
In zwei weiteren Workshops im Herbst und Winter wählten die Artistinnen konkrete Biografien aus, die sie in der finalen Version ihres Stückes auf die Bühne bringen wollen. Sie entwickelten erste Storyboards und Inszenierungskonzepte für einzelne Circusnummern und die Rahmenhandlung. Aus dem für sie schwer greifbaren Oberthema „Demokratie“ leiteten die Jugendlichen für sie und ihre Lebenswelt relevante Kernbotschaften ab: „Sei du selbst!“, „Steh für dich und andere ein!“, „Gib die Hoffnung nie auf!“, „Sei mutig, auch in schwierigen Zeiten!“.
Methoden der historisch-politischen Bildungsarbeit werden in der Kooperation um circuspädagogische Ansätze ergänzt. Dadurch wollen wir der Gruppe ermöglichen, durch Artistik, Schauspiel und die Einbindung von Medien eigene Verbindungen zwischen den NS-Verbrechen und gegenwärtigen Faktoren der Demokratiegefährdung herzustellen. Konkret unterstützen wir die Jugendlichen in enger Zusammenarbeit mit drei Circuspädagoginnen des Vereins dabei, Biografien von NS-Verfolgten auf der Bühne neu zu erzählen und aus ihnen positive Botschaften für ein tolerantes und friedliches Miteinander in der Zukunft abzuleiten. Im zweiten Projektjahr begleitet das Team die Stückentwicklung mit mehreren Besuchen im wöchentlichen Training sowie einem weiteren Workshoptag.
Einzelne Szenen der Produktion werden bereits bei der „Langen Nacht der Museen“ am 18. April 2026 im Geschichtsort Stadthaus und bei der Veranstaltung „Memory Matters!“ zum 81. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des KZ Neuengamme am 2. Mai 2026 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme präsentiert. Die Premiere der finalen Version von „Seid Menschen!“ wird am 16. Juni 2026 im Schanzenzelt stattfinden. Fotos und Videoausschnitte der Auftritte sowie Interviews mit den Artistinnen zur Stückentwicklung fließen zum Projektabschluss in digitale Stadtrundgänge in der Hamburger Neustadt und HafenCity ein.
Auf Spurensuche jenseits des Schulalltags
Die Schulklasse der Heinrich-Hertz-Schule startete im Juni 2025 mit einem zweitägigen Workshop in das Projekt „StoryFinder“. Im Fokus der Arbeit mit dieser Gruppe stehen partizipative Ansätze der historisch-politischen Bildung sowie medienpädagogische Methoden. In der ersten Workshopreihe führten die Teilnehmenden Exkursionen zum Geschichtsort Stadthaus und dem denk.mal Hannoverscher Bahnhof durch und beschäftigten sich dort selbstbestimmt mit den historischen Orten und ihren erinnerungskulturellen Funktionen bis heute. Die Gruppe arbeitete ebenfalls mit Biografien aus der NS-Zeit und verortete die behandelten Personen mit Methoden des Mappings im Hamburger Stadtraum. Das Projektteam hat aus diesen Ergebnissen elf relevante Orte identifiziert, die bis Ende des Projektes mit multimedialen Beiträgen der Schüler*innen bespielt werden.
In der zweiten Workshopreihe im Dezember 2025 besuchten die Jugendlichen diese elf Orte in Kleingruppen, führten vor Ort Spurensuchen durch und dokumentierten ihre Exkursionen audiovisuell. Beratend unterstützt vom Projektteam haben sie aus ihrem Material im Anschluss erste eindrucksvolle Videos geschnitten, in die historische Fakten, Eindrücke der Ortsbesuche und eigene Gedanken zur Relevanz der erinnerten Geschichte(n) einflossen. Die Jugendlichen bewiesen im Prozess nicht nur erstaunliche Medienkompetenzen, sondern kamen in ihren Beiträgen auch zu starken Schlüssen und Meinungen über Fragen der Erinnerungskultur und Sichtbarkeit von Geschichte im Stadtbild.
Die Medienproduktionen der Schüler*innen bilden die Basis für die Projektergebnisse und werden in der dritten Workshopreihe im Mai 2026 inhaltlich, künstlerisch und technisch weiterentwickelt. Nach der Fertigstellung der finalen Beiträge im Sommer 2026 werden diese in eine App für digitale Stadtrundgänge integriert und in einem Peer-Learning-Prozess von anderen Jugendlichen evaluiert. Die finalen Projektergebnisse werden im Herbst 2026 veröffentlicht und sollen fortan als Ressourcen für die Bildungsarbeit der SHGL sowie interessierte Einzelpersonen nutzbar gemacht werden.
Wir vom Projektteam bedanken uns herzlich bei unseren tollen Teilnehmenden und Kooperationspartner*innen für ein spannendes erstes Projektjahr und freuen uns sehr auf die weitere Zusammenarbeit in 2026!
Das Projekt „StoryFinder“ wird von der Stiftung EVZ und dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Rahmen des Programms JUGEND erinnert vor Ort & engagiert gefördert. Die Trägerschaft liegt bei der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen in Kooperation mit dock europe e.V., der Circusschule Die Rotznasen e.V. und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden.