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12.02.2026

„Gedenken neu denken“ – Bericht über Lesung und Gespräch mit Susanne Siegert

Susanne Siegert bei ihrer Lesung im Mahnmal St. Nikolai
Susanne Siegert bei ihrer Lesung im Mahnmal St. Nikolai

Am 21. Januar 2026 fand im Mahnmal St. Nikolai eine Lesung mit Susanne Siegert statt. Die Creatorin und Autorin las aus ihrem Buch „Gedenken neu denken“.

Susanne Siegert informiert in den Sozialen Medien unter dem Namen @keine.erinnerungskultur über Themen wie Holocaust, NS-Verbrechen, Gedenkstättenarbeit und historisch-politische Bildung. Damit erreicht sie insbesondere jüngere Zielgruppen. Sie zählt aktuell zu den bekanntesten Stimmen der digitalen Erinnerungskultur im deutschsprachigen Raum.

Erinnerungskultur als aktive Aufgabe

Im Zentrum des Abends stand die These, dass Erinnerungskultur keine abgeschlossene Praxis ist, sondern eine aktive gesellschaftliche Aufgabe, an der viele Menschen beteiligt sind. Susanne Siegert plädierte dafür, sich nicht nur als Zuhörer*in oder Konsument*in von Geschichte zu verstehen, sondern als Akteur*in innerhalb des Gedenkdiskurses.

Zu Beginn der Lesung stellte sie einen bewusst gesetzten Kontrast her: zwischen den im Kopf erst aufkommenden, bekannten Bildern des Holocaust, etwa aus Auschwitz, und weniger präsenten Orten wie dem Dachauer Außenlager Mühldorfer Hart, in dessen Nähe sie aufgewachsen ist. Dieser „Clash“ markierte zugleich den Ausgangspunkt ihrer eigenen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Aus der Frage, welche Rolle solche eher unbekannten Orte im nationalsozialistischen Lagersystem gespielt haben, entwickelte sich ihre intensive Recherchearbeit. Ihre Ergebnisse präsentiert sie seit mehr als 3 Jahren in Form von Kurzvideos in den Sozialen Medien.

Die Suche innerhalb ihrer Recherche begann in Online-Archiven und Susanne Siegert forderte dazu auf, einmal die eigene Stadt in die Suchmasken einzugeben. Allein zu Hamburg gibt es zahlreiche Dokumente und Spuren, die zeigen, wie eng die Stadt mit dem System nationalsozialistischer Verfolgung und Gewalt verbunden war. Ihre Recherche machte außerdem deutlich, dass sich viele Tatorte jenseits der bekannten Lager befanden – oft mitten in Städten und Regionen, die heute als alltägliche Lebensräume wahrgenommen werden.

Vom Schlussstrich zum Trennstrich

Ein zentraler Gedanke ihres Buches ist der bewusste Abschied vom „Schlussstrich“-Narrativ. Siegert spricht stattdessen von einem „Trennstrich“: sie fordert einen Perspektivwechsel, der den Fokus z.B. von der ausschließlichen Betrachtung von Auschwitz hin zu einer Auseinandersetzung mit regionalen Tatortgeschichten erweitert. In diesem Zusammenhang sagte sie: „Die Geschichte des Holocaust ist viel mehr als die zwei, drei bekanntesten Bilder von seinem zentralen Tatort.“

Ein weiteres Thema von Siegert ist die Abkehr von einer stark personalisierten Tätererzählung, die sich auf Einzeltäter*innen konzentriert, hin zu einem Verständnis einer Tätergesellschaft, in der viele an Verbrechen beteiligt waren – durch Handeln, Mitmachen oder Wegsehen. Auch beim Thema Widerstand wurde dieser Perspektivwechsel deutlich. Siegert setzte dem Fokus auf heute in der Gesellschaft bekannte Widerständler, unbekanntere Formen von Widerstand entgegen: den Widerstand der Verfolgten selbst, Formen von Alltagssolidarität sowie bislang wenig sichtbare Geschichten. In diesem Zusammenhang stellte sie die Biografie von Helene Jacobs vor, die als „Gerechte unter den Völkern” geehrt wurde, und las dazu eine entsprechende Passage aus ihrem Buch. Ebenso thematisierte sie queeren Widerstand.

Ein weiterer „Trennstrich“ betraf den Blick auf Überlebende. Siegert unterschied zwischen dem häufig vermittelten Bild versöhnlicher Überlebender und jenen, die als „unbequem“ wahrgenommen werden.

Zugleich stellte sie die Frage zur Diskussion: „Darf ich dieses Buch überhaupt schreiben?” – vor dem Hintergrund, dass sie eigentlich keine Historikerin ist, sondern Journalistin. Ihre Antwort darauf liegt im Anspruch des Buches, unterschiedliche Perspektiven, die sie im Laufe ihrer inzwischen mehrjährigen Recherchen kennengelernt hat, sichtbar zu machen und in öffentliche Debatten und damit den Gedenkdiskurs einzubringen.

Gedenken und Gegenwart

Ein weiterer Schwerpunkt der Lesung, die ein großes Publikum und Medieninteresse fand, war die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Debatten. Susanne Siegert thematisierte, welche Rolle der gesellschaftliche Rechtsruck, die AfD und die politische Polarisierung für ihre Arbeit und für die Erinnerungskultur insgesamt spielen. Auch hier plädierte sie für eine Trennung: zwischen vereinfachenden Vergleichen oder zugespitzten Parolen einerseits und einer ernsthaften, respektvollen Auseinandersetzung andererseits.

Auschwitz werde häufig als Argument genutzt, um Positionen zu rechtfertigen, die sich eigentlich aus grundlegender Menschlichkeit erklären ließen. Gedenken dürfe jedoch nicht an Bedingungen geknüpft sein oder instrumentalisiert werden. Es sei immer relevant – unabhängig von aktuellen politischen Entwicklungen.

Den Abschluss der Lesung bildete wieder eine längere Passage aus ihrem Buch, in der diese Gedanken noch einmal gebündelt wurden. Siegert machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust keiner zusätzlichen Legitimation bedarf. Die nationalsozialistischen Verbrechen wirken bis heute fort – in Familiengeschichten, in den Traumata der Nachkommen von Verfolgten und Täter*innen, in Städten, Erinnerungszeichen und gesellschaftlichen Strukturen. Gedenken ist demnach keine automatische Konsequenz aus der Geschichte, sondern eine bewusste Entscheidung, die immer wieder neu getroffen werden muss – und sollte.

Fragerunde: Vertiefung der Perspektiven

Im Anschluss an die Lesung folgte eine ausführliche Fragerunde, die von der Journalistin Victoria Reichelt moderiert wurde. Nachfragen gab es zu verschiedenen Aspekten.

Der Schreibprozess sei anspruchsvoll gewesen und habe sich deutlich von ihrer Arbeit für Social Media unterschieden. Das Buch verbinde journalistische Recherche mit persönlichen Momenten und eröffne Perspektiven, die in kurzen Formaten nicht möglich sind.

Ein weiterer Schwerpunkt der Fragerunde war der offene Umgang mit der Täterschaft in ihrer eigenen Familie. Siegert erläuterte, dass es ihr nie um Schuldzuweisungen gehe, sondern darum, Familienmythen aufzubrechen und einen ehrlichen Blick auf die Geschichte zu werfen. Die Auseinandersetzung habe ihr geholfen, eigene Prägungen besser zu verstehen. Ihre Familie habe diesen Prozess überwiegend unterstützend begleitet.

Auch die Rolle von Social Media in der Erinnerungskultur wurde intensiv diskutiert. Siegert stellte fest, dass die Erinnerungskultur auf digitalen Plattformen bislang häufig von Einzelpersonen getragen wird, während institutionelle Akteure noch zurückhaltend sind. Dabei böten soziale Medien großes Potenzial, um Menschen, die sonst kaum Berührungspunkte mit NS-Geschichte hätten, niedrigschwellig zu erreichen. Komplexe Themen ließen sich vermitteln, wenn sie konkret, fokussiert und verständlich erzählt würden.

Dabei gebe es aber auch klare Grenzen bei der Darstellung. Besonders entwürdigende Bilder von Opfern zeigt sie nicht. Stattdessen wird erklärt, warum solche Darstellungen problematisch sind, und es wird nach alternativen Formen der Vermittlung gesucht. Trotz Risiken bei der Präsentation in Sozialen Medien, wie, Desinformation oder algorithmischer Einschränkungen, aber auch persönliche Angriffe, überwiege der Nutzen. Das Interesse junger Menschen ist deutlich spürbar.

Auch KI-generierte Darstellungen der NS-Zeit wurden thematisiert. Siegert bewertete diese kritisch, sah darin jedoch zugleich ein Zeichen für großes Interesse. Umso wichtiger sei es, diesem Interesse mit fundierten und sachlich korrekten Angeboten zu begegnen, anstatt KI solchen Akteuren zu überlassen, die Geschichte verzerren.

Abschließend ging es um politische Verantwortung jenseits symbolischer Gesten. Gedenken dürfe nicht auf Gedenktage beschränkt bleiben, sondern müsse sich in konkreten politischen Entscheidungen, Förderungen und Haltungen im Alltag niederschlagen.

Fazit

Die Lesung und der anschließende Austausch im Mahnmal St. Nikolai zeigten, wie vielfältig Erinnerungskultur heute gedacht und gestaltet werden kann. Der Abend verband historische Recherche mit persönlichen Perspektiven, digitale Vermittlung mit klassischer Gedenkarbeit und zeigte, dass Gedenken ein fortlaufender Prozess ist, der offen ist für neue Fragen, neue Zugänge und neue Beteiligte.

Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen dem Mahnmal St. Nikolai und der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. Sie wurde von der Alfred-Toepfer-Stiftung gefördert.

Bericht von Lina-Marie Mittelbach

Susanne Siegert erklärt den Aspekt des Trennstriches in ihrem Buch.
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Susanne Siegert spricht über das Wehrstammbuch ihres Uropas.
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Susanne Siegert und Victoria Reichelt bei der anschließenden Fragerunde nach der Lesung.
Susanne Siegert und Victoria Reichelt bei der anschließenden Fragerunde nach der Lesung.