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07.07.2026

Erinnerungen aus den Vierlanden

Blick in den Raum des Gemeindhaus Neuengamme. Mehrere Menschen sind im Gespräch, sitzen an den Tischen oder stehen verteilt im Raum.
Das Begegnungs- und Erzählcafé im Gemeindehaus Neuengamme.

Wie sah der Alltag während des Krieges in den Vierlanden aus? Welche Erinnerungen wurden in den Familien weitergegeben und welchen Platz nimmt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme eigentlich heute ein? Bei einem Begegnungscafé kam die Vierländer Nachbarschaft zusammen, um genau darüber ins Gespräch zu kommen.

Bis heute hinterlässt das KZ Neuengamme tiefe Spuren in den Vierlanden. Mehr als 40 Menschen aus Neuengamme, Kirchwerder, Curslack und der Umgebung kamen Anfang Juni zu einem Begegnungscafé zusammen und tauschten sich bei Kaffee und Kuchen über persönliche Erinnerungen, überlieferte Familiengeschichten und die Geschichte des Ortes aus. 

Deutlich wurde dabei, wie unterschiedlich die Erinnerungen an das KZ Neuengamme bis heute sind. Manche Teilnehmende berichteten von Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, andere erinnerten sich an eigene Kindheitserlebnisse. Viele machten zugleich deutlich, dass das Thema in ihren Familien lange Zeit kaum oder gar nicht angesprochen wurde. Besonders haben wir uns über die Teilnahme zweier Zeitzeugen gefreut, die über Erinnerungen aus ihrer Kindheit sprachen. Ein 1939 geborener Neuengammer berichtete, dass er mit seinen älteren Geschwistern direkt am Stichkanal aufwuchs, den die KZ-Häftlinge unter mörderischen Bedingungen ausbauten. Ein Bergedorfer (*1930) ergänzte, dass es für die in Bergedorf geborenen nur wenig Gelegenheit gab, über das KZ zu reden. Es hätten sich dennoch einzelne Bilder tief eingeprägt, etwa ein "Trupp in Häftlingskleidung mit Tuchmütze", die in Bergedorfer Betrieben Zwangsarbeit verrichten musste. 

Persönliche Familiengeschichten zeigten zugleich die Widersprüchlichkeit des Ortes. So erzählte eine Teilnehmerin, dass sie als Jugendliche Feten auf dem Gelände des ehemaligen Klinkerwerks gefeiert habe. Erst später habe sie von seiner Geschichte erfahren. Heute gehe sie zwar auf das Gelände der KZ-Gedenkstätte, könne jedoch nicht die Ausstellungen besuchen, da ihr die Geschichte zu nah gehe. Generell blieb der Bereich rund um das ehemalige Lager für viele Menschen auch nach dem Krieg mit einem Stigma behaftet. Man habe den Neuengammer Heerweg, heute Jean-Dolidier-Weg bewusst gemieden, als sei dort eine Art "unsichtbare Sperre", die selbst später, als sich dort die Justizvollzugsanstalt befand, noch nachwirkte.

Die Ehefrau des ehemaligen Pastor Jürgen Köhler, die viele Jahre gemeinsam mit ihrem Mann in Neuengamme lebte, schilderte, dass sie vor ihrem Umzug nichts über die Geschichte des Ortes wusste. Erst in Gesprächen mit Gemeindemitgliedern, etwa bei Beerdigungen, wurde das KZ immer wieder thematisiert. Neben den persönlichen Erinnerungen wurde auch die jahrzehntelange Aufarbeitung thematisiert. Mehrere Teilnehmende erinnerten insbesondere an das Engagement von Pastor Jürgen KöhlerGünter Schwarberg und zahlreichen ehrenamtlich Engagierten, die durch Führungen, Publikationen, Jugendprojekte und Zeitzeugengespräche dazu beigetragen haben, die Geschichte des Ortes sichtbar zu machen. Ohne dieses Engagement wären viele Erinnerungen vermutlich verloren gegangen. Ein ehemaliger Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen, der in 1980er-Jahren Interviews mit Anwohner*innen führte, berichtete, dass er zwar mit vielen sprechen konnte, jedoch auch oft auf heftige Ablehnung stieß.

Das Begegnungscafé zeigte eindrucksvoll, wie wichtig solche Gespräche bis heute sind. Die Erinnerungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden weniger, zugleich wächst das Interesse und der Bedarf jüngerer Generationen, sich über die Geschichte ihres Ortes auszutauschen. Viele Teilnehmende nutzten deshalb die Gelegenheit, eigene Familiengeschichten zu erzählen, Fragen zu stellen oder einfach zuzuhören. So entstand ein vielschichtiges Bild davon, wie das KZ Neuengamme den Alltag in den Vierlanden geprägt hat und bis heute nachwirkt.

Das Treffen wurde in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis kirchliche Gedenkstättenarbeit, der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte und dem Geschichtskontor Bergedorf organisiert. Ein weiteres Treffen ist für den Spätsommer 2026 geplant, das zeitnah mitgeteilt wird. Willkommen sind Menschen jeden Alters – ob alteingesessen oder neu in den Vierlanden. Auch Fotos, Dokumente oder andere Erinnerungsstücke können gerne mitgebracht werden!

Bei Fragen oder Anregungen gerne an Pastor Martin Zerrath (info@kirchliche-gedenkstaettenarbeit.de) oder Archivar Christian Römmer (christian.roemmer@gedenkstaetten.hamburg.de) wenden.

Mehrere Menschen schauen auf eine Landkarte der Vier- und Marschlande.
Teilnehmende blicken auf eine historische Karte der Vier- und Marschlande.
Ein Mann im Rollstuhl sitzt an einem Tisch mit einem Mann, der sich mit ihm unterhält.
Gedenkstättenpastor Martin Zerrath im Gespräch mit einem Zeitzeugen.