Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme beim Erntedankumzug
Ein Sonntagnachmittag in den Vier- und Marschlanden
Der Erntedankumzug in den Vier- und Marschlanden hat eine lange Tradition. Am 4. Oktober 2026 war es wieder so weit: Zum 50. Mal zogen, organisiert vom Förderverein Erntedankfest e.V., mehr als 80 geschmückte Wagen durch Kirchwerder, mit denen lokale Vereine und Gruppen aus dem Stadtteil sich präsentieren. Ich bin schon als Kind mitgelaufen, räderschlagend mit dem Turnverein, Polka tanzend mit der Trachtengruppe, später auf meinem Pony mit dem Reitverein. Und jetzt, viele Jahre später, wieder, als Erwachsene. Dieses Mal war es trotzdem anders: Zum ersten Mal fuhr ein Wagen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit.
Dorf und Gedenkstätte: eine schwierige Nachbarschaft
Das Verhältnis zwischen Gedenkstätte und Dorf ist kompliziert. Ich habe mich lange damit beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben „Das Lager im Dorf lassen“, in dem ich mich damit auseinandergesetzt habe, wie und ob sich das Dorf Neuengamme an das Konzentrationslager in seiner Mitte erinnert. Aber nicht nur das: Ich habe auch lange selbst in der Gedenkstätte gearbeitet. Vor zwei Jahren bin ich in den Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme eingetreten, um wieder mehr zu tun: gegen rechts und für antifaschistische Erinnerungsarbeit, die mir gerade jetzt wichtig erscheint.
Seit einiger Zeit sucht die Gedenkstätte mit Outreach-Arbeit aktiv die Nähe zum Ort. Es gab in diesem Jahr bereits ein „Erzählcafé“ im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Neuengamme und bald folgt die „Erzählkneipe“ in Kücken’s Gasthof, in der Dorfbewohner*innen ihre Erinnerungen teilen können.
Der Wagen der Gedenkstätte
Und nun fuhr anlässlich des Erntedankfestes ein Anhänger hinter einem historischen Trecker her, der vom 1. Traktor Oldtimer Club Hamburg e.V. zur Verfügung gestellt wurde. Der Wagen war von den die Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte mit freundlicher und hilfreicher Unterstützung einer lokalen Floristin liebevoll mit Blumen geschmückt worden. Blumensamen unter dem Motto „Erinnerung wachsen lassen“ wurden verteilt, dazu Flyer für die Erzählkneipe. Ich stand auf dem Wagen und winkte dabei, wie es sich gehört, in Zylinder und Trachtenweste, geliehen von meinen Eltern. Ich habe mich wie ein Verbindungsglied gefühlt: im Dorf und mit dem Umzug aufgewachsen und gleichzeitig Teil der Gedenkstätte.
Auf dem Wagen stand das Motto: „Deiche brauchen Pflege, Erinnerung auch.“ In den Vier- und Marschlanden muss man niemandem erklären, was das heißt. Ein Deich schützt nur, solange sich jemand um ihn kümmert, und mit der Erinnerung ist es nicht anders. Um diese Pflege kümmert sich in Neuengamme die KZ-Gedenkstätte, und genau deshalb ist ihre Arbeit so wichtig.
Zusammenwachsen
Am meisten berührt hat mich der Rand der Strecke. Da standen Menschen, die ich teils jahrzehntelang nicht gesehen hatte: Nachbar*innen, Schulfreund*innen und Leute aus der Kirchengemeinde, mit denen ich früher viel Zeit verbracht habe. Einige erzählten, dass sie gerade noch über den Wagen gesprochen hatten, und fanden es toll, dass wir dabei waren. Dazu viele Unbekannte, die riefen: „Toll, dass ihr dabei seid!“ Eine Frau reichte uns ein Tablett mit Schnapsgläsern hoch: „Nehmt en Lütten.“ Also haben wir mit ihr angestoßen.
Vielleicht war es genau das: Die Leute haben fröhliche Menschen auf dem Wagen gesehen, die Freude an den Dorftraditionen haben und nicht abseits stehen. Eine Gedenkstätte, die nicht am Rand steht, sondern dazugehört.
Ich hatte an vielen Stellen Tränen in den Augen. Und dachte: Wenn meine Arbeit ein kleines bisschen dazu beiträgt, dass das hier zusammenwächst, dann habe ich im Leben richtig viel erreicht. Darauf bin ich stolz.
[Gesa Trojan]