Bericht von der Ausstellungseröffnung „Ganz Hamburg ist voll von diesen Abtransporten“
Die Ausstellung wurde vom Team denk.mal Hannoverscher Bahnhof erarbeitet, das damit Einblicke in die Inhalte des geplanten Dokumentationszentrums in der HafenCity gibt. Prof. Dr. Oliver von Wrochem fasste in seiner Begrüßung die Aktivitäten des Teams der letzten Jahre in Form von Installationen am Gedenkort und im Geschichtsort Stadthaus zusammen.
Deportationen im Juli 1942
Einen Überblick über die drei Deportationen im Sommer 1942 gab Dr. Kristina Vagt: Am 11., 15. und 19. Juli wurden etwa 2000 jüdische Hamburger*innen aus ihrem Leben gerissen und ins Vernichtungslager Auschwitz und ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Den Deportationsbefehl schickte die Gestapo den Betroffenen per Einschreiben. Die Menschen mussten an Sammelstellen übernachten, bevor sie mit Einsatzwagen der Polizei zum Hannoverschen Bahnhof gebracht wurden – ein Prozess der Demütigung. Kristina Vagt betonte, dass viele verschiedene Hamburger Behörden an den Deportationen beteiligt waren. Viele Hamburger*innen konnten die Deportationen beobachten, das Geschehen war in der Öffentlichkeit sichtbar. Die Ereignisse hinterließen tiefe Spuren in den betroffenen Familien.
Objekte erzählen Schicksale in der Ausstellung
Die Werkstattausstellung zeigt „Täterdokumente“, aber auch private Fotos und Dokumente von Betroffenen. Es sind unter anderem originale Dokumente und Fotos von Bertha Benecke zu sehen. Bertha Benecke war in einer jüdischen Familie in Ostfriesland aufgewachsen und heiratete einen nichtjüdischen Mann, der kurz nach der Heirat zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Soldat fiel. 1935 zog sie mit ihrem Sohn nach Hamburg und wurde am 19. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, von wo sie im Juni 1945 nach Hamburg zurückkehren konnte.
In einer Medienstation sind Ausschnitte aus vier Interviews mit Nachkomm*innen der Deportierten abrufbar. Sie berichten über Abschiede, Hoffnungen auf ein Wiedersehen und die Beschäftigung mit der Familiengeschichte. Karin Heddinga, die die Interviews seit 2017 geführt hatte, betonte bei der Ausstellungseröffnung, dass drei dieser Interviewpartner*innen – Erika Estis geb. Freundlich, Prof. Dr. Ulrich Bauche und Dr. Detlev Landgrebe – mittlerweile verstorben seien und die Eröffnung des Dokumentationszentrums daher nicht mehr erleben können.
Gespräch mit Angehörigen
Karin Heddinga führte anschießend durch ein Gespräch mit Nachkomm*innen.
Dr. Iris Bork-Goldfields Urgroßeltern Hedwig und Dr. Walter Alexander wurden aus Hamburg ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet.
Mit zehn Jahren habe die Urenkelin auf einem mehrwöchigen Familienbesuch in den USA zum ersten Mal jüdische Traditionen kennengelernt. Aber damals habe sie noch nicht verstanden, dass ihre Verwandten, die sie besuchte, vor den Nationalsozialisten aus Deutschland und Österreich geflohen waren. Persönlich betroffen und auch verantwortlich für ihre Familiengeschichte habe sie sich erst später gefühlt, nachdem sie in Yad Vashem in der Halle der Namen die ihrer Urgroßeltern entdeckte.
Das war der Moment, in dem sie damit begann, sich mit der Geschichte ihrer Familie zu beschäftigen. Besonders berührt habe sie dabei das Fotoalbum ihrer Familie. Die Menschen, deren Leben darin festgehalten seien, sind durch das NS-Regime aus ihren Leben gerissen, erniedrigt und ermordet worden. Das Engagement für Aufklärung und Erinnerung ist ihr besonders wichtig. Aus diesem Grund schreibe sie Aufsätze, spreche an Schulen und arbeite an einem Buch über ihre Familiengeschichte. Ganz persönlich habe sie sich bei der Beschäftigung mit ihrer Familiengeschichte dazu entschieden, zum Judentum zu konvertieren. Die Weitergabe jüdischer Kultur in ihrer Familie sei für sie wichtig.
Dr. Thomas Bauche ist der Sohn des Volkskundlers und Kustos des Museums für Hamburgische Geschichte Ulrich Bauche, welcher sich sehr für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme engagierte und die Ausstellung „400 Jahre Juden in Hamburg“ im Museum für Hamburgische Geschichte kuratierte. Er setzte sich für die Verlegung eines Stolpersteins für seinen Großvater Max Mendel vor dem Hamburger Rathaus ein, der der einzige Senator Hamburgs war, der dem antisemitischen Wahn zum Opfer fiel. Max Mendel, wurde mit seiner Frau Ida und deren Mutter Bertha Lobatz, sowie seinem Bruder Paul Michael Mendel im Sommer 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Zum Zeitpunkt der Deportation war Max Mendel über 70 Jahre alt und saß wegen eines Hüftleidens im Rollstuhl. Einen Brief, den Ulrich Bauche als Kind mit seinem Großvater kurz vor dessen Deportation an Familienmitglieder in Palästina schrieb, ist in der Ausstellung zu sehen.
Thomas Bauche erfuhr als Kind bereits viel über die Geschichte seiner Familie, besonders durch Erzählungen seiner Großmutter. Sie selbst hatte im Februar 1945 einen Deportationsbefehl erhalten und überlebte in einem Versteck. Viele ihrer Familienmitglieder waren ermordet worden. Familienbesuche und Familientraditionen seien deshalb in seiner Familie sehr wichtig gewesen, „ein Nachhall des (jüdischen) Lebens der vorherigen Generationen“, wie es Thomas Bauche formulierte. Seit dem Tod seines Vaters sei es ihm besonders wichtig, sich zu engagieren.
Christiane Benecke ist die Urenkelin von Bertha Benecke, die ebenfalls am 19. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Christiane Benecke fand im Nachlass ihres Onkels Dokumente zur Verfolgungsgeschichte ihrer Familie. Zwar hatte sie bereits als Jugendliche den Deportationsbefehl ihrer Urgroßmutter in Händen, aber durch die kürzliche Sichtung des Nachlasses wurde eine vertiefte Beschäftigung mit ihrer Familiengeschichte möglich. Durch Nachforschungen im letzten Jahr traf sie auf ihren mittlerweile verstorbenen Großonkel, der in Ostfriesland lebte. Dieser konnte ihr Fragen zur Familiengeschichte, zum Beispiel zu Personen in einem der Fotoalben von Bertha Benecke, beantworten. Durch die Beschäftigung mit der Verfolgungsgeschichte ihrer Familie seien ihr die Auswirkungen, die die Verfolgung bis heute habe, deutlich geworden. Für sie ist die Arbeit von Gedenkstätten und Erinnerungsorten im aktuellen politischen Klima wichtiger denn je.
Die Ausstellung „Ganz Hamburg ist voll von diesen Abtransporten“. Die Deportationen der jüdischen Bevölkerung aus Hamburg im Juli 1942 ist noch bis zum 31. Juli 2026 im Geschichtsort Stadthaus zu sehen. Der Besuch ist während der Öffnungszeiten möglich und kostenfrei.