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18.11.2025

Auf den Spuren ihrer verfolgten Familie in Hamburg

Die Nachkomm*innen des Ehepaars Oppenheim stehen im Geschichtsort Stadthaus. Sie hören einer Mitarbeiterin der Stiftung zu.
Besuch des Geschichtsorts Stadthaus

Im September 2025 besuchten Nachkommen der Familie Oppenheim die Gedenkstätte Fuhlsbüttel, das denk.mal Hannoverscher Bahnhof und den Geschichtsort Stadthaus. Gemeinsam mit Sabine Brunotte, die für die Stolperstein-Initiative zu den Vorfahren geforscht hat, begaben sie sich auf die Spuren ihrer Familie in Hamburg.

Die Nachkommen von Eva und Georg Oppenheim leben heute in Großbritannien, dorthin konnte ihr Urgroßvater 1939 fliehen. Der 1906 geborene Jurist war Jude und lebte in Hamburg im Grindelviertel. Er war politisch aktiv, erst Anhänger der SPD, später dann der KPD. Gemeinsam mit Rudi Neumann, dem Mann seiner Stiefschwester Flora, führte er im Bereich Sternschanze Schulungsabende durch. Beide wurden kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Juli 1933 verhaftet und zunächst in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel (Kolafu) gebracht. Georg Oppenheim erhielt wegen „Hochverrat“ eine zweijährige Zuchthausstrafe, die er vollständig verbüßen musste. Nach seiner Entlassung gelang ihm schließlich die Flucht: Über die Niederlande erreichte er die Tschechoslowakei, wo er bis zur deutschen Besatzung bei einer jüdischen Hilfsorganisation in Prag arbeitete. Über Polen konnte er 1939 dann nach London fliehen. Dort traf er Eva Stein wieder, die Schwester eines Freundes aus Hamburg. Eva war die Tochter von Clementine und Mathias Stein, der viele Jahre als Lehrer an der Talmud Tora Schule tätig war.

Eva Stein hatte ursprünglich davon geträumt, Pianistin zu werden. Das war für eine Jüdin zu der Zeit nicht mehr möglich, weshalb sie eine Hauswirtschaftslehre absovlierte. Nach dem Novemberpogrom 1938 war es ihr gelungen, als Hausmädchen nach England zu fliehen. Dort heirateten Eva und Georg 1940, wurden jedoch wieder getrennt und als „feindliche“ Ausländer interniert. Später bekamen sie drei Kinder. Ihre jeweiligen Familien sahen sie nicht wieder. Erst nach Kriegsende erfuhren sie, dass diese deportiert und ermordet worden waren.

Georg und Eva Oppenheims Enkelin Natasha Walter begann nach dem Tod ihrer Mutter Ruth die Geschichte der Familie aufzuschreiben. 2023 erschien ihr Buch „Before the light fades: a memoir of grief and resistance”. Auch die folgende Generation hält die Erinnerung wach: Auf ihrer Reise nach Hamburg besuchten Jacob, Florence und Joshua Brunert die Orte, an denen ihre Urgroßeltern Georg und Eva Oppenheim gelebt hatten. In der Gedenkstätte Fuhlsbüttel und im Geschichtsort Stadthaus fand daraufhin ein anregender Austausch zu Fragen der familiären Überlieferung statt sowie zur Bedeutung und Arbeit von Gedenkstätten angesichts der aktuellen politischen Lage. Die Perspektive von Nachkommen ist hierfür von zunehmender Bedeutung.

Besuch der Enkelkinder im Geschichtsort Stadthaus. Drei junge Personen, zwei Männer und eine Frau, stehen in der Ausstellung am Geschichtsort Stadthaus. Sie lächeln in die Kamera.
Besuch des Geschichtsorts Stadthaus
Auf einem Foto aus den 1950er Jahren sieht man das Ehepaar Oppenheim. Sie stehen zentral in der Mitte des Fotos und lächeln in die Kamera.
Georg und Eva Oppenheim, 1950